Fahren und Bauen, eine Kernkompetenz der Bauwirtschaft!

oder die Quadratur des Kreises?

Verfasser: Axel-Björn Hüper, ehem. Vorsitzender der Geschäftsführung der DB ProjektBau

Die deutliche Erhöhung von bereitgestellten Budgets für die notwendige Unterhaltung und den Ersatzneubau von Eisenbahnverkehrsinfrastruktur bei der DB AG, führt bei der bisherigen Baustellenplanung auch zu Einschränkungen in der Verfügbarkeit von Eisenbahninfrastruktur durch Teil- und Vollsperrungen und infolge auch Umleitungsverkehre.

Eine der Kernkompetenzen der Bauwirtschaft ist, beim Bauen im Bestand, unter Nutzung der verfügbaren Technologien und anerkannter Verfahrenstechnik, die Aufrechterhaltung und Verfügbarkeit der betrieblichen Eisenbahninfrastruktur weitestgehend zu ermöglichen.

In einer gemeinsamen Expertengruppe zum Thema „Technologierahmenbedingungen im Oberbau“ aus Vertretern der Bauwirtschaft und Mitarbeitern der DB Netz AG wurden im Jahr 2016 Möglichkeiten untersucht und ein Verfahren entwickelt, um eine systematische Optimierung der Grundlagen für die Planung von Oberbaumaßnahmen im Gleisumbau zu erstellen. Der Anspruch soll sein, anhand von Kriterien eine Entscheidungshilfe für definierte Planungsparameter bereitzustellen. Zielstellung ist dabei, eine qualitativ hochwertige Bauausführung unter weitgehender Aufrechterhaltung des Eisenbahnbetriebes zu gewährleisten.

Die Planungsparameter

der örtlichen Gegebenheiten
ein- oder mehrgleisige Streckenabschnitte oder Baustellenzugang,

der Wirtschaftlichkeit
Umbaulängen und Betrieb im Nachbargleis sowie Materialwiederverwendung,

Umwelt
Bauzeitoptimierung und Lärmminderung sowie CO2-Reduzierung,

Sicherheit
durch die Fließbandtechnologie,

wurden dabei einbezogen.

Entscheidungskriterien für den Gleisumbau

Unterstützung bei der Verfahrensauswahl

Über ein Entscheidungsdiagramm ist dann für den Anwender als Entscheidungshilfe die Auswahl der Verfahrenstechnik möglich. Das hier bereits in der frühen Planungsphase definierte Bauverfahren und die festgelegte Verfahrenstechnik ist die Grundlage für eine optimierte Sperrpausenplanung.

Um ein einheitliches Verständnis zur Anwendung für die jeweiligen zugeordneten Prämissen zu gewährleisten, wurde ein Erläuterungskatalog (nachstehend Auszug) für die Unterstützung bei der Verfahrensauswahl formuliert.

Erläuterungen zum Entscheidungsdiagramm für den Gleisbau

Unterstützung bei der Verfahrensauswahl

Ein- oder mehrgleisiger Streckenabschnitt

Bei einem konventionellen Umbau vor Kopf auf nur einem Gleis müssen Baustoffe mit Zwischenlagerung mehrfach angefasst werden. Im Allgemeinen wird das konventionelle Umbauverfahren daher nur dann angewandt, wenn mindestens zwei nebeneinanderliegende Gleise für den Umbau genutzt werden können oder die Bedienung der gesamten Baustelle über eine zusätzliche Baustraße möglich ist. Der Einsatz eines Fließbandverfahrens erlaubt ohne Einschränkung der Leistungswerte der Maschinensysteme die Abwicklung der Baustelle auf nur einem Gleis.

Witterungsunabhängiger Einbau (Begrenzung Bauloch)

Die Tragfähigkeit des Unterbaus beeinflusst die Auswahl des Verfahrens, da die über die Maschinen eingebrachten Belastungen vom Planum aufgenommen und entsprechend abgetragen werden müssen. Wird das Planum wie im Falle des konventionellen Bauverfahrens direkt befahren, ist besonders auf die ausreichende Tragfähigkeit des Planums zu achten. Das Bilden von ungleichmäßigen Setzungen hätte ansonsten negative Auswirkungen auf Ausführungsqualität und die Lebensdauer der Infrastrukturanlage.

Im Falle von Niederschlagsereignissen verändert sich die Tragfähigkeit des Bodens abhängig von der Bodenart. Vor allem bei bindigen Böden (Schluff, Lehm etc.) führt die unkontrollierte Zugabe von Wasser zu einer Reduktion der Tragfähigkeit, was die konventionelle Bauweise erschwert. Mit dem Fließbandverfahren bietet sich hier eine technisch alternative Lösung.

Bei starkem Dauerregen ist die Reinigungsqualität einer Bettungsreinigung ohne Schotteraufbereitung eingeschränkt. Konsequenzen sind vor Ort abzuleiten.

Baustellenzugang (einfach/schwierig)

Der Baustellenzugang beeinflusst die Abwicklung der Baustelle hinsichtlich des Ab- und Antransports der erforderlichen Geräte und Materialien. Das Fließbandverfahren erlaubt es prinzipiell, die gesamte Baustelle gleisgebunden abzuwickeln, weshalb diese Methode von Baustellenzugängen nahezu unabhängig ist. Im Gegensatz dazu stellen schwierige Baustellenzugänge an die konventionelle Methode steigende Anforderungen hinsichtlich Logistik, Lagermöglichkeiten und Bauablauf.

Die Ergebnisse der Untersuchung haben gezeigt, dass bei Berücksichtigung der vorhandenen Verfahrenstechnologien bereits in der frühen Planungsphase, durch Verkürzung der Bauzeiten und unter Aufrechterhaltung des Eisenbahnbetriebs im Nachbargleis auf mehrgleisigen Strecken, auch bei deutlich erhöhtem Bauvolumen im Gleis das Fahren und Bauen ohne Vollsperrung auskommen kann und somit zu einer höheren Verfügbarkeit der Streckenkapazität führt. Bei konsequenter Anwendung dieser Planungsgrundsätze durch die Planungsverantwortlichen ist das Ziel Fahren und Bauen ohne die Quadratur des Kreises ermöglicht.